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Wissenschaftlichkeit als Hochschulkultur

Wissenschaftlichkeit gehört zum Kern einer Hochschule und bildet die Grundlage für eine hohe Qualität sowohl in der Lehrer:innenbildung als auch in der Schulpraxis. Zwar wird Wissenschaftlichkeit als von aussen definierter Qualitätsanspruch von den Hochschulen gefordert (vgl. die Vorgaben zur institutionellen Akkreditierung), sie wird aber erst durch eine über die ganze Institution hinweg geteilte innere Haltung und eine gelebte Hochschulkultur wirksam.

Wissenschaftlichkeit ist kein Selbstzweck

Manche (künftige) Lehrperson mag sich die Frage stellen, warum Wissenschaft in der Ausbildung von Lehrpersonen notwendig sei (vgl. Studienbuch Empirische Bildungsforschung). Schliesslich sei es nicht ihr Berufsziel, Forscher:in zu werden, sondern als Lehrperson Kinder und Jugendliche in ihren Lernprozessen und in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen und zu begleiten. Gerade aus der Praxis lässt sich die Bedeutung von Wissenschaftlichkeit jedoch gut begründen. Denn die komplexen Praxisanforderungen, das hohe Mass an Autonomie im beruflichen Handeln und die Übernahme grosser Verantwortung für die zu unterrichtenden Schüler:innen zeigen, dass Lehrer:insein mehr ist als ein Beruf, nämlich eine Profession. Wie in anderen wissensintensiven und verantwortungsvollen Tätigkeiten (zum Beispiel in der Medizin) bieten wissenschaftliche Erkenntnisse den Orientierungsrahmen für die Bewältigung beruflicher Herausforderungen in der Schule oder in anderen Bildungskontexten.

Wissenschaftlichkeit als Werkzeug für die Professionalisierung

In einer Welt inmitten tiefgreifender Umbrüche und globaler Herausforderungen – ausgelöst durch geopolitische Instabilität, die Gefährdung von demokratischen Grundwerten durch Desinformation oder die rasante Verbreitung von künstlicher Intelligenz – erhält die Fähigkeit, Wissen kritisch zu prüfen, Resilienz zu stärken und somit die gesellschaftliche Kohäsion zu unterstützen, eine besondere Bedeutung. Vor diesem Hintergrund dient Wissenschaftlichkeit Lehrpersonen als unentbehrliches Werkzeug, das es ihnen ermöglicht, ihr Wissen über Schule und Unterricht kontinuierlich zu hinterfragen, zu aktualisieren und zu erweitern. Wissenschaftliches Denken regt zu einer kritisch-reflexiven Haltung und permanenter Weiterentwicklung an und leistet somit einen wesentlichen Beitrag für eine fortwährende professionelle Entwicklung.

Bildungsqualität als gemeinsames Ziel von Wissenschaft und Schulpraxis

Bei oberflächlicher Betrachtung werden Wissenschaft und Schulpraxis bisweilen als gegensätzliche Welten wahrgenommen. So wird zum Teil von der Politik gefordert, dass es in der Lehrer:innenbildung nicht Forschung, sondern mehr Praxis brauche – als ob es nur ein Entweder-oder gäbe. Vielmehr haben Wissenschaft und Praxis ein gemeinsames Ziel, nämlich Bildungsprozesse besser zu verstehen sowie Lehren und Lernen wirksam zu gestalten. Für die Erfüllung dieser Aufgabe ist die Lehrer:innenbildung prädestiniert, weil sie als eine Art «Brokerin» zwischen Wissenschaft und Bildungspraxis für eine systematische Vernetzung sorgt. Diese Vermittlungsfunktion erfordert von Dozierenden und Forschenden ein doppeltes Kompetenzprofil, das wissenschaftliches Fachwissen mit fundiertem Wissen über die Bildungspraxis und einem Verständnis für die spezifischen Herausforderungen an Schulen verbindet. Umgekehrt benötigen auch Lehrpersonen ein Grundwissen sowohl zu den Chancen als auch zu den Limitationen von Forschung oder sie sollten zumindest über die Bereitschaft verfügen, sich am wissenschaftlichen Diskurs zu beteiligen.

Wissenschaftlichkeit lässt sich nicht delegieren

Die PHSG versteht Wissenschaftlichkeit als Kernbestandteil einer zukunftsgerichteten Hochschulkultur und hat die enge Verbindung von Wissenschaftlichkeit und Praxisorientierung strategisch verankert. Wissenschaftlichkeit ist mehr als nur die Vermittlung von Wissen, nämlich ein aktiver, gemeinschaftlicher Prozess des Forschens, Reflektierens und Gestaltens. Im Zuge der Umsetzung des Projekts zur Weiterentwicklung der Führungs- und Organisationsstruktur (WEFO) gründete die PHSG zehn Institute mit dem Ziel, die Fachlichkeit zu stärken und eine bessere Verzahnung der Leistungsbereiche sicherzustellen. Wissenschaftlichkeit kann somit nicht einfach an die «Forschung» delegiert werden, sondern sie gehört zum Grundauftrag der Institute, die den vierfachen Leistungsauftrag (Ausbildung, Forschung & Entwicklung, Weiterbildung und Dienstleistungen) erfüllen müssen. Zur Unterstützung der Wissenschaftlichkeit wurde das Zentrum Wissenschaftsberatung (ZWIB-PHSG) geschaffen. Für den Austausch über die Institutsgrenzen hinweg dienen hochschulweite Reflexionsräume wie regelmässige Forschungskolloquien oder der 2024 eingeführte Wissenschaftstag. Diese Entwicklungen bewirken, dass sich alle Institute und Fachgebiete am wissenschaftlichen Diskurs beteiligen, was in den letzten beiden Jahren zu einer deutlichen Zunahme in der Disseminationstätigkeit geführt hat. Umgekehrt fliessen aus der Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aktuelles Wissen und innovative Ideen direkt in die laufende Studiengangsreform sowie in die Vorbereitung von Lehrmodulen ein.

Wissenschaftlichkeit wirkt in die Gesellschaft

Ein Blick auf die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers Schweiz 2025 zeigt, dass die Schweizer Bevölkerung Wissenschaft und Forschung überwiegend positiv bewertet und der Wissenschaft ein grosses Vertrauen entgegenbringt. Mit dem künftigen strategischen Schwerpunkt «Bildung und Gesellschaft im Dialog» soll der Wert von Wissenschaftlichkeit für eine fundierte Lehrer:innenbildung sichtbar und erfahrbar gemacht werden. Im strategischen Ziel, den Austausch zwischen Hochschule, Schulpraxis, Politik und Gesellschaft zu intensivieren, spiegelt sich das Bewusstsein für ein weites Verständnis von Wissenschaftlichkeit im Sinne des Science-and-SocietyAnsatzes wider. Die starke Praxisorientierung von Forschung & Entwicklung lässt sich daran erkennen, dass an der PHSG rund zwei Drittel der Projekte Entwicklungs- und Innovationsprojekte mit der Praxis oder für die Praxis sind.

Initiativen der PHSG zur Förderung des gesellschaftlichen Impacts

Zur Förderung des Impacts in die Gesellschaft hat die PHSG verschiedene Initiativen lanciert. Mit dem 2024 erstmals verliehenen PHSG Bridge Award werden Projekte gewürdigt, die eine hohe Praxisrelevanz entfalten und deren Ergebnisse einen nachweisbaren Mehrwert für die Gesellschaft und für die Bildungspraxis schaffen. Service-Learning-Projekte fördern durch die Einbettung in gesellschaftlich relevante Themen und die Bearbeitung realer Problemstellungen sowohl den Kompetenzerwerb bei Studierenden als auch die Übernahme von Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft. Eine partizipativ ausgerichtete Wissenschaftskommunikation soll dazu beitragen, Wissen aus der Forschung verständlich aufzubereiten und für die Praxis und die Gesellschaft nutzbar zu machen (zum Beispiel Podcast «Frühe Bildung»). Schliesslich versteht die PHSG Wissen als öffentliches Gut, weshalb sie sich den Grundsätzen der Open Science verpflichtet hat. Um Forschungsergebnisse, Daten und Methoden möglichst allen zugänglich zu machen, wurde darüber hinaus das Projekt- und Forschungs-Informationssystem #Proforis aufgebaut.

Prof. Dr. Christian Brühwiler, Prorektor Forschung & Entwicklung